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VERANSTALTUNGEN
2011/12
IM KULT-BAU

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NM6h1 im Kultbau

>>> Di, 5. Juni 2012, 20.00 Uhr
Daniel Fuchs & Florian Vetsch
Special Guest: Isla Ward

Punk- & Beatwomen!
Kathy Acker, Lenore Kandel, Janine Pommy Vega

Eintritt frei / Kollekte / Bar



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Baudelaire zielt nicht direkt auf Selbstbefriedigung, und zwar wegen des folgenden Mechanismus: X begehrt Y und denkt, aus welchen Gründen auch immer, es sollte Y nicht begehren. X glaubt, es sei schlecht, weil es Y begehrt. Was X sich wünscht, ist Y und gut zu sein.

Baudelaire macht folgendes , um dieses Dilemma zu lösen: Er setzt voraus, dass irgendeine Institution (seine Eltern, die Gesellschaft, seine Geliebte usw. ) sagt, Y zu begehren, sei schlecht. Diese Institution ist Autorität, ist im Recht. Die Autorität wird ihn bestrafen, weil er schlecht ist. Die Autorität wird ihn so streng als möglich bestrafen, strafe mich strafe mich, mehr als notwendig ist, bis es jedem klar sein muss, dass die Bestrafung ungerecht ist. Strafende sind ungerecht. Jegliche Autorität stinkt jetzt zum Himmel. Deshalb gibt es kein gut und schlecht. X kann nicht schlecht sein. Es ist notwendig, an so viele Grenzen wie möglich zu gehen.

Kathy Acker, New York City 1979
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Lenore Kandel

Bis zu ihrem schweren Motorradunfall im Jahr 1970, der ihr die Wirbelsäule zertrümmerte und das Genick brach, den sie aber wie durch ein Wunder - anfangs gelähmt, schliesslich von chronischen Schmerzen geplagt – überleben sollte, war Lenore Kandel eine der aktivsten Beat-Women ihrer Zeit. Dabei ist sie eher einer Janine Pommy Vega oder Diane di Prima, mit denen sie befreundet war, vergleichbar als der schulebildenden Anne Waldman oder der im Hintergrund von Ginsbergs «Kaddish» verblassenden Elise Cowen. Lenore Kandel (*1932 in New York City), Tochter einer Musikerin und eines Drehbuchautors, war durchaus in der Lage, sich als Schauspielerin, Bauchtänzerin, Folk-Sängerin und Schulbuschauffeuse durchzuschlagen. In der Szene galt sie als wildwüchsige, sexuell provokative Urfrau schlechthin; Kerouac jedenfalls fand für sie in «Big Sur» (1962) diese Worte: «eine grosse rumänische Ungeheuerschönheit auf eine Weise (ich meine mit grossen violetten Augen und sehr hochgewachsen und gross, aber Mae-West-gross) (..), eine grosse dunkle Schöne von der Sorte, auf die wohl jeder durchgedrehte hungrige Sexsklave der Welt Lust hat, aber auch intelligent, belesen, schreibt Gedichte, ist Zenschülerin, weiss alles, ist eigentlich einfach eine grosse gesunde rumänische Jüdin». Dabei gründet Kandels Ruhm auf einem schmalen Heft von Gedichten, «The Love Book», das 1966 in der Stolen Paper Review in San Francisco auf nicht einmal 10 Seiten erschien und 1967 vom höchsten kalifornischen Gerichtshof in einem landesweit aufsehenerregenden Prozess indiziert wurde (die Zensur wurde 1973 aufgehoben). «The Divine is not Separate from the Beast» lautet das Credo, das zur Entfesselung von Kandels spirituell aufgeladener erotischer Lyrik geführt hat. Gedichte, die einer erfüllten weiblichen Sexualität direkten und zugleich spirituellen Ausdruck verleihen, bietet nicht nur «The Love Book», sondern auch der thematisch breitere, von einem poetologischen Prolog eingeleitete Gedichtband «Word Alchemy» (1967). Nachdem Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann Lenore Kandels intensive, furchtlose Stimme durch ihre Aufnahme in die US-Underground-Reader «Fuck you!», «Acid» und «Silverscreen» früh für den deutschsprachigen Raum erschlossen haben, liegen ihre Werke heute in der Übersetzung von Caroline Hartge in der Stadtlichterpresse vor. Lenore Kandels grundlegende Aufhebung des metaphysischen Duals von Körper und Geist, von Tierischem und Göttlichem kommt in Caroline Hartges Übersetzung auch im Deutschen klar zum Ausdruck, etwa in diesen Versen:

ich bin nackt an dir
und ich lege meinen Mund auf dich langsam
es verlangt mich dich zu küssen
und meine Zunge bringt dir Anbetung dar.

Lenore Kandel starb am 18. Oktober 2009 in San Francisco.
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Janine Pommy Vega

Nachdem Janine Pommy Vega (*1942) einen Artikel über die Beats gelesen hatte, eilte sie mit einer Schulfreundin in die Cedar Tavern in Greenwich Village, wo sie den Dichter Gregory Corso kennenlernte und über ihn Ginsberg und Orlovsky. Am Tag nach ihrem High School-Abschluss teilte sie ihrer Mutter mit, dass sie mit Ginsberg und Orlovsky in Greenwich Village leben wolle. Auf der weiteren Suche nach Transzendenz und Horizonterweiterung verschlug es die Lyrikerin in den 60er Jahren nach San Francisco und in den 80ern auf Pilgerfahrt zu Stätten neusteinzeitlicher Göttinnenverehrung. Bereits in den 70er Jahren hatte sie mit Gedichtworkshops in New Yorker Gefängnissen zu unterrichten begonnen. 1987 wurde sie Direktorin des Programms Incisions/Arts. Bis zu ihrem Tod am 23.12.2010 in ihrem Haus in Willow, New York, arbeitete sie in den Gefängnissen von Napanoch und Woodbourne. Carl Weissner schrieb über sie in seinem Anti-Roman MANHATTAN MUFFDIVER (2009):

«Nach Borreliose, Herzinfarkt, und weiss-ich-was ist sie zum Skelett abgemagert, hat einen Klumpfuss und geht am Stock; ihr Oberkiefer stülpt sich unnatürlich vor, ihre weissen Haare stehn zu Berg und sind zu einem Mittelding zwischen Bürstenhaarschnitt und Irokesenpinsel gezähmt, und ihre verkrüppelten Finger streben seitwärts (trotzdem hat sie letztes Jahr mit ihrem rechten Mittelfinger und den beiden Daumen einen Roman von 180 Seiten getippt). Kurz, die Frau wirkt zerstört und vernichtet, aber das sieht nur so aus. Denn ratet mal, was passiert, wenn sie in die Nähe eines Mikrofons kommt. Da haut sie ihre Sachen raus, als wäre nie etwas gewesen, und im Publikum wird gejuchzt, geschrien und geflennt. Jan war fassungslos – erst vor Schock, dann vor Begeisterung. Er hat sie zuletzt vor vierzig Jahren in San Francisco gesehen. Da war sie eins der schönsten Girls von North Beach und hat sich als Oben-ohne-Tänzerin in einer Plexiglaskabine über dem Eingang eines Nepplokals am Broadway das Geld für ihre Heroinsucht verdient.»


STOSSGEBET

Sing Sing Entrance
steht über dem Ufer
am Hudson River

links
hinter dem Stacheldraht, der hohen Mauer
befindet sich ein Spielfeld
einer trippelt, während die Sonne
untergeht

rechts
entlang des Flusses
ist die Liebesmeile, ein Junge
entblättert sich in einem blauen Wagen,
das Quietschen der Reifen

und eine Seite ist die Innenseite
und eine Seite ist die Aussenseite
dasselbe Flugzeug zieht darüber
derselbe Himmel über beiden

drinnen reibe ich beim Marschieren
durch steinerne Korridore
ein wenig Lippenstift an die Mauer.

Sing Sing, Ossining, NY, Juni 1985

Janine Pommy Vega
(aus dem Amerikanischen von Florian Vetsch)

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