Im Schatten der Gruppe 47

NM im Kult-Bau

>>> Dienstag, 23. Februar 2016, 20:00 Uhr

Im Schatten der Gruppe 47

Claire Plassard, Daniel Fuchs, Corinne Riedener (in Vertretung von Clemens Umbricht) und Florian Vetsch präsentieren: Inge Müller, Dieter Leisegang, Rolf Haufs & Rolf Dieter Brinkmann

(Eintritt frei, Kollekte)

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) agierte jenseits der Gruppe 47. In dem noch heute greifbaren Reader ACID erforschte er zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla die neue amerikanische Szene; ihm folgte die nicht minder wegweisende Lyrik-Anthologie SILVERSCREEN. Brinkmann selbst veröffentlichte, neben einem Roman, Erzählungen und den späten Materialienbänden, zahlreiche Gedichtbände, zuletzt – postum nach Brinkmanns fatalem Unfalltod in London erschienen – den Band mit dem programmatischen Titel WESTWÄRTS 1&2, wofür ihm, ebenfalls postum, der Petrarca-Preis verliehen wurde. Brinkmann gilt als bester deutscher Beat-Poet. Sein Gedicht „Zwischen den Zeilen“ aus LE CHANT DU MONDE  (1963/64) kann als ästhetische Verdeutlichung  des literarischen Konzepts vom Naked Lunch gelesen werden:

Zwischen
den Zeilen
steht nichts
geschrieben.
Jedes Wort
ist schwarz
auf weiss
nachprüfbar.

Florian Vetsch wird aus Rolf Dieter Brinkmanns Briefen und Gedichten lesen.

Rolf Haufs (1935 – 2013) war von 1962 bis 1967 Mitglied der Gruppe 47. Seit Anfang der 1960er Jahre veröffentlichte er Gedichte, Prosa, Kinderbücher und Hörspiele. Allein 13 Gedichtbände zeugen von der grossen Schaffenskraft dieses hintersinnigen Melancholikers der Helligkeit, der zweifellos zu den bedeutendsten Dichtern seiner Generation zählt. Während Haufs frühe Gedichte die kritische Wachsamkeit des Zeitgenossen in Berlin und seiner Heimat am Niederrhein spiegeln, steht beim späten Werk, wie es Christoph Buchwald im Nachwort zum Auswahlband „Aufgehobene Briefe“ (2001) formuliert, das wahrnehmende Individuum im Zentrum, auf das die Zeitgeschichte von allen Seiten eindrischt. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Haufs war ein akribischer Spracharbeiter, dessen Credo lautete: „Wer nicht mit jeder Zeile alles sagen will, begibt sich der poetischen Integrität.“

Kann sein
Kann sein ich habe mich
Wie ein Kind verlaufen in glühender Landschaft
Noch einmal überrascht leben
Mit offenem Herzen. Dann aber
Unschuldig alles vergessen und erneut
Stolpern und fallen bis sich
Die Rätsel lösen unbändiger Neigung.

Corine Riedener wird (in Vertretung von Clemens Umbricht) Gedichte von Rolf Haufs lesen.

Dieter Leisegang (*25. November 1942 in Wiesbaden) war ein deutscher Autor, Philosoph und Übersetzer. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie u.a. bei Theodor W. Adorno. 1963 schwere Lungenerkrankung. 1968-1970 Lehrbeauftragter für Ästhetik an der Werkkunstschule für Gestaltung Offenbach; bis 1971 auch Dozent für Text und Rhetorik an der Fachschule für Industriewerbung und Absatzförderung in Kassel. 1969 Promotion mit der Arbeit „Die drei Potenzen der Relation“. 1971-1973 Philosophische Analysen der Werke von Franz Kafka und Karl May. Intensive Auseinandersetzung mit Grundlagenfragen des Grafikdesigns. 1972 Gastdozentur an der University of Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika. 1972/73 Seminar „Philosophische Aspekte der Literatur“ in Frankfurt. 21. März 1973 Freitod. Dieter Leisegang blieb mit seinem dichterischen Werk zeitlebens ein Solitär, keiner Schule verpflichtet, keiner Gruppe zugehörig. Er veröffentlichte acht schmale Gedichtbände, davon zwei als Privatdruck, Essays zur Theorie der Gestaltung und philosophische Schriften. 1980 erschien posthum „Lauter letzte Worte“ bei Suhrkamp, eine Auswahl aus seinen publizierten Gedichten. Zu den von ihm übersetzten Autoren gehören W. H. Auden und Hart Crane.

Glücklich und endlich
Nachts auf dem Balkon sitzend
Die Füsse überm Geländer
Mit Zigarettenrauchen beschäftigt
Dem Klingeln der Strassenbahn
Und vor allem der Leuchtreklame
Des Reisebüros gegen über –
So eingebettet in lauter Erfahrungen
Ganz unaufdringlicher Art
Aufgehoben zu sein
Ohne Mitte, ichlos, vorbei
Nur so dahinfliessen
Ein Ding unter Dingen

Daniel Fuchs liest Veröffentlichtes und Werke aus dem Nachlass von Dieter Leisegang.
Lesen Sie den Artikel von Daniel Fuchs über Dieter Leisegang auf der Blog-Seite der Kulturzeitschrift SAITEN >

Inge Müller, 1925 in Berlin geboren und ebendieses 1966 im Freitod verlassen, ist bis heute mehr bekannt „als Frau und Mitarbeiterin von“ Heiner Müller denn als eigenständige Schriftstellerin, was Einiges über die Gesellschaft und wenig über Müller selbst aussagt. Im Januar 1945 wird Müller als Luftwaffenhelferin zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, im April desselben Jahres liegt sie tagelang unter Trümmern verschüttet nach einem Luftangriff der Alliierten, der ihren Eltern das Leben kostet. Nach Kriegsende übt Müller verschiedene Tätigkeiten als Sekretärin, Trümmerfrau, Arbeiterin, Journalistin und Volkskorrespondentin aus. Ab 1953 ist sie freischaffende Autorin von Kinderbüchern, Theatertexten, Hörspielen und nicht zuletzt von Prosa und Lyrik, welche in beunruhigend direktem, einsamem, mithin grotesk-sarkastisch anmutendem Ton von einem intensiven Gedanken- und Zeitgeschehen zeugen:

EINEN EINZIGEN TROST WIR HABEN
Und der ist bittrer Hohn:
Wir entkommen bestimmt –
In den Himmel.
Denn die Hölle erleben wir schon.
Ins Leere greifen
Wenn man eine Hand sucht
Das Herz an Steinen erwärmen wollen.

Claire Plassard wird Gedichte und Prosafragmente von Inge Müller lesen.

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